Michael Hagner

Michael Hagner

Studium der Medizin und Philosophie an der Freien Universität Berlin (1980-86). 1987 erfolgte die Promotion zum Dr. med., danach Postdoc und Wissenschaftlicher Assistent in Berlin, London, Lübeck und Göttingen, wo 1994 die Habilitation erfolgte. Ab 1995 am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, zunächst als Heisenberg-Stipendiat der DFG, dann als Senior Scientist. Seit 2003 Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich. Gastprofessuren in Salzburg, Tel Aviv, Frankfurt a. M., Köln und Paris; 2008 Fellow an der Maison des Sciences de L'Homme, Paris. 2008 Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Forschungsschwerpunkte: Wissenschaft und Demokratie, Geschichte der Neurowissenschaften, Buchgeschichte, Visualisierung in den Wissenschaften. Mitglied der Leopoldina, der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Selbständige Veröffentlichungen (Auswahl): (Hg.) Der „falsche“ Körper. Beiträge zu einer Geschichte der Monstrositäten. Göttingen 1995; Homo cerebralis. Der Wandel vom Seelenorgan zum Gehirn. Berlin 1997; (Hg.) Ansichten der Wissenschaftsgeschichte. Frankfurt a. M. 2001; Geniale Gehirne. Zur Geschichte der Elitegehirnforschung. Göttingen 2004; Der Geist bei der Arbeit. Historische Untersuchungen zur Hirnforschung. Göttingen 2006; (Hg. mit E. Hörl) Die Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik. Frankfurt a. M. 2008; Der Hauslehrer. Sexualität, Kriminalität und Medien um 1900. Berlin 2010; (Hg.) Wissenschaft und Demokratie. Berlin 2012

Zusammenfassung des Referats

Vor und nach den Digital Humanities. Eine Übersicht

Big data ist in den Geisteswissenschaften angekommen, auch wenn es noch reichlich unklar ist, welche Konsequenzen das haben wird. So weit ich sehe, werden unter dem Begriff Digital Humanities gegenwärtig ganz verschiedene technologischen Möglichkeiten und Praktiken verstanden. Der Anspruch, Bewegung in die geisteswissenschaftliche Landschaft zu bringen, wird verstärkt durch eine Erwartungshaltung, der ein Gemenge an kulturkritischen Frustrationen, sozialen Hoffnungen, teilweise sogar säkularen Heilsversprechungen zugrunde liegen. Dabei spielen nicht nur Effizienzüberlegungen, notwendige Anpassungen an das digitale Zeitalter und die Überwindung der immer wieder beschworenen Krise der Geisteswissenschaften eine große Rolle, sondern auch Egalitätsideale, die die hierarchisch erscheinenden Strukturen des akademischen Systems in Frage stellen. Letztlich sollen die Digital Humanities als Werkzeug zur Neuorganisation des gesellschaftlichen Wissens und damit zur Reform des menschlichen Zusammenlebens dienen. In meinem Vortrag möchte ich beide Aspekte, den epistemischen und den sozialutopischen, aus einer historischen Perspektive durchleuchten. Während es mir unbestreitbar zu sein scheint, dass die Digital Humanities in klar definierten Bereichen der Geisteswissenschaften nicht nur alte Einsichten bestätigen, sondern auch neue Erkenntnisse zu generieren vermögen, scheinen mir die technowissenschaftlich gestützten Visionen eher ein hilfloser Versuch zu sein, der von kommerzieller Gier und politischen Machtstrukturen geprägten digitalen Realität eine heile Welt sozialer Kooperation entgegenzuhalten.
 

Referent vom 28. November

Vor und nach den Digital Humanities. Eine Übersicht

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